„Es ist Zeit zum Ausmisten!“ oder „Aus einem Friseur-Marathon wurde ein Iron Man…“

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Fokussiert sich auf die Haupt-Themen und blickt nach vorn: Michael Bredtmann
Foto: Michael Kaspers
Fokussiert sich auf die Haupt-Themen und blickt nach vorn: Michael Bredtmann

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Gibt’s was aus der Krise zu lernen? „Jede Menge!“, ist Friseurunternehmer Michael Bredtmann überzeugt. Bei FMFM erzählt der „liebevolle Chaot“, warum er ausgerechnet jetzt unternehmerisch und persönlich ausmistet. Marie Kondo lässt grüßen...

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Die letzten drei Monate haben viel Kraft und Nerven gekostet. Wenn ich jetzt auf die letzten zehn bis zwölf Wochen zurückblicke, dann kann ich wirklich von einer emotionalen Achterbahnfahrt sprechen. Allein die ersten zwei Wochen nach dem Lockdown waren für mich erholsam. Da hatte ich „nur“ Existenzangst und Sorge um die Zukunft. Als Selbstständiger ist man ja an Ängste gewöhnt. Das Geschäft war geschlossen. Toll daran war: Somit konnte auch gerade nichts falsch laufen. Dies war für mich die angenehmste Zeit in der Krise. Aber dann ging es langsam los. Die ersten neuen Regeln der BGW sickerten durch… Immer wieder habe ich den Spruch von Michi Jung im Kopf: „Es ist ein Marathon und kein Sprint!“ Und genau da ist mein Problem: Obwohl ich mir in den ersten Lockdown-Wochen vorgenommen hatte, weniger zu arbeiten, ist es mir nicht gelungen. Kräftemäßig habe ich mich verausgabt, weil ich meinen Marathon mit einem Sprint begonnen habe. Und keiner weiß, was die nächsten Monate bringen werden… Statt des häufig beschworenen Lichts am Ende des Tunnels sehe ich vor allem ein Labyrinth aus Aufgaben und Fragen. Und ich weiß: Durch dieses Labyrinth komme ich persönlich und unternehmerisch nur durch, wenn ich mir jetzt die Kräfte einteile und meine Energie sorgsam in gezielte Bahnen lenke.

Daher ändere ich jetzt meine Strategie und konzentriere mich auf folgende sechs Top-Themen, die mir besonders wichtig und derzeit unverzichtbar erscheinen:

Top 1: Positives Umfeld

In Zukunft selektiere ich mehr, mit wem ich mich umgebe und womit ich mich beschäftige. Ich verändere jetzt mein Umfeld. Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, an welcher Stelle ich während des Lockdowns viel Kraft gelassen habe, dann weiß ich heute: ich habe an zu vielen Zoom-Meetings und Facebook-Diskussionen teilgenommen. Ich habe mich zu sehr anstecken lassen von Ängsten anderer, von „Fake-News” und von komischen, negativen Streitgesprächen. Beim Marathon schaut man auch nicht ständig nach hinten oder zur Seite. Lieber läuft man mit Freunden, die einen stärken, motivieren und nicht die ganze Zeit jammern. Ich habe durch die sozialen Medien tolle neue Friseurunternehmer kennengelernt. Coole Menschen, die nach vorne schauen und sich nicht mit negativen Diskussionen aufhalten.

Top 2: Neukunden, Neukunden, Neukunden…

Zentral ist für mich derzeit die Frage: Wie bekomme ich mehr Neukunden? Wir wissen nicht, wie ausgelastet wir in den nächsten Monaten sein werden. Denn die Kunden werden vielleicht weniger oder manche auch gar nicht mehr zum Friseur gehen. Drohende Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und Infektionsangst machen es erforderlich, dass wir die Stammkundenanzahl erhöhen. Daher werde ich mich auf Neukundengewinnung und Altkundenwiederbelebung konzentrieren. E-Mail-Marketing, SMS-Aktionen, Google Ads, Facebook-Anzeigen werden unsere Hauptaktivitäten sein. Wir investieren gerade in einen „Social-Media-Raum“, in dem sich verschiedene Videokameras für Live- und YouTube-Videos befinden. Jeder Mitarbeiter im Salon soll zu einer eigenen Marketingabteilung werden. Unser Ziel: 20 Marketing-Abteilungen „in-house“, die aktiv Kunden für uns finden. Das macht allen richtig Spaß!

Top 3: Arbeitszeitmodelle und Flexibilität

Dieses Thema finde ich besonders spannend. Durch die neuen „Corona-Regeln” haben wir ein ganz anderes Arbeitszeitmodell entwickelt. Und siehe da: Im Schichtsystem zu arbeiten ist gar nicht so schlimm, wie wir alle dachten. Haben wir schönes Wetter, dann hat jeder etwas davon. Und im Geschäft ist es ruhiger. Früher war es für mich immer negativ, wenn es nicht gerappelt hat im Karton. Doch jetzt fühlen sich die Kunden wohler, wenn es entspannter zugeht. Es ist dann auch nicht so laut und hektisch im Geschäft. Heißt: Wir werden uns auf jeden Fall von diesem starren „Beamtendenken” verabschieden. Die Auslastung muss in den nächsten Monaten steigen. Mein Ziel sind 90% Auslastung… Deshalb werde ich zukünftig mehr mit Plus- und Minus-Stunden arbeiten. Dadurch können wir flexibler auf höhere und geringere Nachfrage reagieren.

Top 4: Rezeption, Terminvergabe & Kundenkontakt

Insgesamt muss es für die Kunden einfacher werden, sich digital anmelden zu können. Daher möchte ich das Buchungssystem vereinfachen und attraktiver gestalten. In der Corona-Zeit war die Kommunikation und Terminvergabe via E-Mail einfach sensationell. Ich habe mich dabei in den virtuellen Kundenkontakt verliebt. Und auch die Kunden mögen es!

Top 5: Internetseite

Die Internetseite ist das perfekte Medium und Salon-Schaufester, um Stammkunden und Neukunden über alle Dienstleistungsangebote, Aktionen und Specials zu informieren und einzuladen. Der Vorteil, den wir haben: Ich mache die Internetseite selber, auch wenn es viel Zeit kostet. Aber so kann ich schnell reagieren und ständig aktualisieren. Ich denke auch gerade über die Möglichkeit der Online-Kundenberatung nach. Bleibt die Maskenpflicht, planen wir zum Beispiel über Zoom Typberatungen durchzuführen. Klar ist unsere Internetseite nicht so perfekt wie eine von einer Agentur gestaltete, aber dafür ist sie immer aktuell. Und das ist so wichtig wie noch nie!

Top 6: Sicherheit und Sauberkeit

Bei der Aufstellung unserer Hygienekonzepts war es mir von Beginn an wichtig, unseren Mitarbeitern und Kunden das Gefühl zu geben: Hier bist Du am sichersten! Und ich bin überzeugt, dass auch in Zukunft Struktur, Hygiene und Ordnung im Salon eine wichtige Rolle spielen werden. Für uns bedeutete dies: Vom liebevollen Chaoten- zum Vorzeige-Friseurunternehmen. Unser Hygienekonzept ist vorbildlich. In Zukunft werden wir auch weiterhin strukturierter, organisierter und aufgeräumter sein als früher!

Ich werde also jetzt nur noch Kraft in Dinge stecken, die mich weiterbringen. Durch Corona haben wir unser ganzes Konzept durcheinander gewürfelt. Und mein Kopf explodiert jetzt förmlich vor neuen Ideen für das Zukunftskonzept Bredtmann! Meine Credos der Stunde sind: Nach vorn schauen, Kräfte einteilen und dann auch machen!

In diesem Sinne, herzlichst

Euer Michael Bredtmann

Wie steht es eigentlich um den Friseur-Beruf? Mehr zum Thema: „Traumberuf Friseur?“