Im Sprint zum Friseurgesellen?

Friseurgeselle in 12 Monaten? Nach dem neuen Ausbildungsmodell „L’Oréal Master of Professional Beauty“ ab Oktober möglich! Die Verbände sind „not amused“, erfolgreiche Friseurunternehmer geteilter Meinung. „Hauptsache, wir übersehen vor lauter Kontroverse nicht, wo es wirklich brennt!“ Ein Kommentar von Heidrun Barbie*.

Auf die Plätze, fertig, los, Friseurgesellen!

Auf die Plätze, fertig, los, Friseurgesellen! © Fotolia

Es innerhalb eines Jahres zum Friseurgesellen bringen? Das geht. Glaubt man Olaf Köhler, der maßgeblich an der Entwicklung des Konzepts beteiligt war und dessen Akademie in Lüneburg einer der bisher 4 regionalen Standorte der „L’Oréal Professional Beauty School“ ist.   

Umgehend meldete sich der Zentralverband und reagiert mit „Skepsis und Zurückhaltung“, was von ihm geradezu erwartet werden muss, rüttelt diese „Sprinter“-Ausbildung doch am Dualen System, einer Grundfeste der Handwerksausbildung in Deutschland.

Zu Wort melden sich zudem Friseurunternehmer, die sich seit Jahren um Verbesserung und zeitgemäße Gestaltung der Ausbildung bemühen. In 12 Monaten Friseur lernen, das geht nicht, so deren Tenor. Hier wird die Sorge deutlich, dass es in solch kurzer Zeit unmöglich ist, in den Friseurberuf mit seinen vielschichtigen Anforderungen wirklich hineinzuwachsen. Bemerkenswert, dass die meisten dieser Kritiker auch dem Dualen System - wie es heute gelebt wird - kritisch gegenüberstehen.

Heidrun Barbie kommentiert

Ich kann beim besten Willen nicht beurteilen, will es auch gar nicht, ob man das HANDWERK des Friseurs in 12 Monaten erlernen kann. Was ich sehr wohl beurteilen kann, dass, um diesen Beruf wirklich mit Leben auszufüllen, auch ein Leben lang gelernt werden muss. Ob allerdings der Einstieg in diesen Beruf über eine mit theoretischen und praktischen Inhalten knackig gefüllte Intensivausbildung geschieht oder über ein behutsames Hineinwachsen – hängt das nicht in erster Linie von den Voraussetzungen ab, die ein jeder mitbringt? Es ist doch ein Unterschied, ob eine 16-jährige mit Hauptschulabschluss ihre Ausbildung beginnt oder eine 23-jährige Studienabbrecherin, die während des Mode-Design-Studiums entdeckt, dass sie lieber am und mit Menschen ihre kreative Ader auslebt. Wenn wir über Ausbildung und Lernen reden, sollten wir – bevor wir uns in hitzigen Diskussionen verhaken - zuerst klären, worüber wir genau sprechen. Etwa über das Aneignen der handwerklichen Schritte oder das Trainieren dieser, um handwerkliche Routine zu bekommen, oder das Sammeln von Erfahrungen, für die man im Friseurhandwerk - neben Modellen –  viel Zeit braucht. Und: Erfahrung sammeln hört mit keiner, wie auch immer gearteten Abschlussprüfung auf. Und das gilt nicht nur für Friseure!

Schade fände ich, wenn gerade jetzt in der Kontroverse aneinander vorbeigeredet würde, jeder krampfhaft versucht, die eigenen Pfründe zu verteidigen oder Erfolge schön zu reden, und wir vor lauter Kontroverse übersehen, dass es brennt und alle Marktbeteiligten aktiv in eine Richtung steuern müssen. Fakt ist doch: Der Nachwuchsmangel hat das Friseurhandwerk unübersehbar eingeholt! Alle Initiativen der letzten Jahre haben (leider) wenig gegriffen und konnten bestenfalls Schlimmeres verhindern. Fakt ist auch: Der Friseurberuf hat ein riesengroßes Imageproblem: schlechte Arbeitszeiten, schlechte Arbeitsbedingungen, schlechtes Image, miese Bezahlung, kaum berufliche Perspektiven,… und Fakt ist: Das Friseurhandwerk braucht dringend motivierten Nachwuchs, der den vielfältigen Anforderungen des Berufes gewachsen ist. Fakt ist auch: Die jungen Leute von heute wollen schnelle, direkte Erfolge! Deshalb finden sie z.B. Frisuren-Foto-Wettbewerbe grandios, haben aber wenig Lust, sich fürs klassische Preisfrisieren zeitraubend und schweißtreibend abzumühen. Fakt ist: Sie wollen abwechslungsreiche Arbeit, die Spaß macht, die Freizeit läßt, mit der man gutes Geld verdient und Zukunftsperspektiven hat.

Also: Das Friseurhandwerk muss heute zuerst einmal versuchen, die jungen Leute wieder „einzufangen“. Mit der tristen Fassade mit schlechtem Image, schlechten Arbeitsbedingungen, mieser Bezahlung und, und, und… wird das schwer. Die muss runter! Das, was hinter dieser Fassade steckt, muss aufpoliert und nach außen gezeigt werden. Da ist doch so viel Verführerisches, vieles, was gerade mode-affine, aufgeweckte, weltgewandte, pfiffige junge Leute lockt: Fashion, Haare, Frisuren, Kosmetik, Outfits, Looks, Catwalk, Beauty, Make-up…. Friseur ist doch genau die Welt, die in unzähligen you tube-Tutorials begeistert verfolgt wird. Und mir ist ein Rätsel, wieso Friseur nach wie vor das allseits anerkannte Kompetenz-Zentrum in Sachen Haar ist, aber kaum einer den Beruf, so wie er sich als Ausbildungsberuf darstellt, ergreifen will.

Weil die meisten jungen Leute heute nicht mehr klaglos einen dreijährigen Weg zwischen Schule und Arbeitsstätte gehen wollen, der wenig Knistern und Prickeln verspricht? Weil sie keine Lust haben, sich den Buckel krumm und immer gute Miene, auch bei der schlechtest gelaunten Kundin zu machen – und das alles bei so wenig Lohn, dass immer auf einen guten Trinkgeld-Tag gehofft werden muss?

Nein, ich glaube einfach, dass das Friseurhandwerk nach wie vor nicht verstanden hat, seine Schokoladenseiten öffentlichkeitswirksam zu zeigen. Die haben andere für sich gepachtet. Dabei hat das Friseurhandwerk ganz viele, nach denen sich gerade die Menschen, die wir in diesem Beruf brauchen, die Finger lecken.

* Heidrun Barbie gründete das Fachmagazin CLIPS und war über Jahrzehnte Chefredakteurin und Geschäftsführerin des Fachmagazins. Heute führt sie ihre eigene Agentur in Köln (Heidrun Barbie Kommunikation) und widmet sich einer Herzensangelegenheit, der „Friseurklassifizierung Deutschland“.





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