Erst laufen, dann rennen – der Zentralverband zeigt sich reformwillig

„Nicht übereinander, sondern miteinander sprechen“. Dazu mahnte ZV Hauptgeschäftsführer Jörg Müller am Ende des Obermeister-Jahresauftaktseminars vom 13.1.-15.1.2018 in Darmstadt. 80 Obermeister(innen), zahlreiche Ehrengäste aus Industrie und Verbänden sowie Ehrenpräsident Alfred Preussner mit Gattin Hede waren der Einladung des Vorstands vom Zentralverband Friseurhandwerk nach Hessen gefolgt. Im Fokus der konstruktiven Diskussionen: (Duale) Friseurausbildung, Generation Z, 17.500 Euro-Salons und Digitalisierung! Erfreulich, es herrscht Aufbruchstimmung; Innungen und Verbände zeigen sich aktiv…

Laufen kommt vor dem Rennen - der Zentralverband ist aktiv

Laufen kommt vor dem Rennen - der Zentralverband ist aktiv © Shutterstock

Beginnen wir mit nackten Zahlen, an denen es leider nichts zu beschönigen gibt: Fakt ist, mit 49,6 % brechen rund die Hälfte aller Friseurauszubildenden in Deutschland ihre Lehre vorzeitig ab und belegen damit den Spitzenplatz bei den Abbrüchen im Handwerk. Neu eingetragene Ausbildungsverhältnisse sind von 2016 bis 2017 um 3,7 % zurückgegangen (Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung). Die Gründe hierfür sind längst kein Geheimnis mehr und die öffentlichen Medien lassen keine Gelegenheit aus, um hier immer wieder ordentlich Öl ins Feuer zu gießen, zuletzt in den Tagesthemen Anfang des Jahres. Skandalös niedrige Ausbildungsvergütungen im Osten, ausbeutende und schlecht qualifizierte Ausbilder sowie zu niedrige Löhne und mangelnde Karriereperspektiven haben den Friseurberuf immer mehr zu einer Mindestlohnbranche gemacht und ihn in eine „Schmuddelecke“ (so ZV-Präsident Harald Esser) gedrängt. Der Zentralverband ist das direkte Bindeglied zu politischen Instanzen, die letztendlich über Reformen wie der Ausbildungsverordnungen zum Gesellen und Meister entscheiden. Vorschläge für diese Reformen werden derzeit erarbeitet und sollen noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden. Als Sozial- und Verhandlungspartner der Dienstleistungsgewerkschaft verdi wird der ZV bereits Anfang Februar intensiv die Verhandlungen über einen Mindestentgelttarifvertrag fortsetzen, alles in Absprache mit seinen Landesinnungsverbänden und Innungen.

„Ein Riesenschritt, um der Negativspirale zu entkommen“

Die Fokussierung der Kernthemen in diesem Jahr liegt laut Harald Esser daher in der Nachwuchsgewinnung sowie der progressiven Tarifpolitik im Interesse der Betriebe in enger Zusammenarbeit mit verdi. Erreicht werden sollen ein Mindestentgelttarifvertrag sowie die Definition eines Mindestabstands zum staatlichen Mindestlohn. „Wenn wir das erreichen, ist das ein Riesenschritt, um aus der Negativnische einer Mindestlohnbranche herausgeführt zu werden und zugleich den Landesinnungsverbänden die Chance zur Gestaltung der einzelnen Lohngitter nach oben zu ermöglichen“, so Harald Esser. Die Landesinnungsverbände zeigen sich ebenfalls offen für eine Verbesserung der Ausbildungsvergütung. Es gilt, den Friseurberuf in seiner Innen- und Außenwirkung zu modernisieren, dazu gehöre auch die Stärkung des Modemarketings sowie ein neues Konzept der Vermarktung der Frisurenmode: Die bisherige Modepräsentation im Rahmen der Obermeistertagung weicht in diesem Jahr einem aufwendigen „Stylewochenende“, mit Workshops, Saloncheck und Modepräsentation im Wella-Studio in Berlin.

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„Generation Z“ – wohlbehütet und weniger willig

Fast alle Referenten haben sich in Darmstadt über die sogenannte „Generation Z“ ausgelassen. Gemeint sind die zwischen 1995 und 2010 geborenen jugendlichen „digital natives“, die ihre Zeit überwiegend am Smartphone und mit sonstigen digitalen Medien und Kanälen wie Youtube verbringen. Ihre Charakteristika: hohe Aufmerksamkeitsfähigkeit und extremes multi-tasking! Aber erfahrungsgemäß verfügen diese Youngsters eher über ein geringes Konzentrations- und Durchhaltevermögen, sind sprunghaft und wechseln gerne in allen Lebensbereichen. Genau diese Generation für eine Friseurausbildung zu begeistern, ist keine leichte Aufgabe und erfordert besonders seitens der Ausbilder viel Fingerspitzengefühl, wie Laura Meschede-Pütz vom Zentralverband in ihrem Vortrag „Karriere im Friseurhandwerk“ deutlich machte. Digital natives verbringen viel Zeit in den sozialen Medien und sind es daher gewohnt, „Likes“ zu erhalten. Von den Eltern mehr „gepampert“ als rangenommen gilt die heutige Jugend daher als extrem harmoniebedürftig und weniger belastbar. Geregelte Arbeitszeiten stehen hoch im Kurs bei den jungen Leuten. Die Eltern dieser Generation wollen überwiegend, dass ihre Kinder studieren. Der Friseurberuf wird von ihnen nicht befürwortet. Schlechte Bezahlung und mangelnde Karriereperspektiven werden als Gründe angeführt. Mit dem Studiengang zum „Bachelor of Arts Business Administration Beauty Management“, will der Zentralverband letzteres entkräften und sehr wohl einen Karriereweg in der Friseurbranche über den Meister hinaus präsentieren. „Wir brauchen was für die Spitze und fürs Image“, sagt Robert Fuhs, Vorstand Zentralverband. In die Köpfe der Eltern müsse wieder rein, dass Handwerk goldenen Boden hat, bekräftigt er die Etablierung dieses „Friseurstudiums“.

„Der frühe Erfolg ist die beste Motivation“

Axel Meininghaus, der in Darmstadt zum Thema private Ausbildung referierte, hat bereits viel Erfahrung im Umgang mit der Generation Z. Er weiß, dass die Jugendlichen im Grunde genommen einfach zu haben sind, aber darauf wert legen, dass ihnen alles ausführlich und korrekt erklärt wird. „Die merken sofort, ob man das selbst auch so macht“, verrät der Leiter der Meininghaus Akademie, die in diesem Jahr 60jähriges Jubiläum feiert, den Teilnehmern. Auch er musste feststellen, dass es den „Digital Natives“ vor allem an Ausdauer und Konzentration fehlt. Konsequenterweise müssen daher seine Schüler ihre Smartphones während des Unterrichts im Schrank einschließen. „Ich merke, dass sich die Schüler so wesentlich besser konzentrieren können, sich ernsthafter engagieren und ihre Leistung besser erleben“, fasst Axel Meininghaus seine Erfahrung zusammen. In dem Zusammenhang hält er es auch für extrem wichtig, den Schülern die Möglichkeit zu geben, das Erlernte auf einer Bühne zu präsentieren. Der frühe Erfolg über die eigene Leistung sei die beste Motivation, so Meininghaus. Er schlägt vor, die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU) zum festen Bestandteil der dualen Ausbildung zu machen, indem z. B. eine mehrwöchige Basis-Pflicht-ÜLU an den Anfang der Lehre gesetzt wird. Hier könnten dann alle Basisfertigkeiten vermittelt werden, für die später im Salon keine Zeit mehr sein wird, die aber gleich zu Beginn benötigt werden, damit der Auszubildende möglichst schnell schon am Kunden arbeiten kann und somit Selbstvertrauen und Motivation gewinnt.

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„Die Ausbildung muss digitaler werden, damit sie mehr Spaß macht“

Um Jugendliche langfristig für den Beruf des Friseurs zu begeistern, muss dieser eindeutig digitaler werden. Da sind sich in Darmstadt alle Referenten einig. Die Möglichkeiten sind vielfältig. So präsentierte Jan Laan, Vice President von Pivot Point International, beispielsweise das interaktive Lernsystem LAB, das in den USA bereits 60.000 Friseurauszubildende nutzen und das auch schon in England und den BeNeLux-Ländern erfolgreich am Start ist. Das System biete viele zeitgemäße Vorteile in der Erfassung von Lernmodulen. Schüler und Lehrer haben von überall Zugriff und können jederzeit interagieren und miteinander kommunizieren, ob individuell oder im Klassenverbund. „Die Generation Z will weniger lesen, sondern mehr anhand von Bildern lernen“, sagt Jan Laan. Darauf ist das Programm ausgerichtet und auch die Pivot Point-Bücher werden immer weniger textlastig, sondern lassen eher Bilder sprechen, die man mit Hilfe von QR-Codes dreidimensional darstellen kann. Der Schüler kann somit direkt am virtuellen Medium Schnittführungen und Farbtechniken nachvollziehen. „Die Grenze zwischen Lernen und Spaß muss kleiner werden“, sagt Jan Laan. Der Zentralverband plant nun gemeinsam mit seinem Partner Pivot Point die Implementierung dieses Programms auch innerhalb der dualen Ausbildung in Deutschland. 

Wohin mit der Dauerwelle?

Ein Riesenthema, das bereits lange auf der Agenda des Handwerks steht und für das es auch schon Strukturentwürfe gibt, ist die dringend notwendige Reform der Gesellen- und Meisterausbildungsverordnung. Auch darüber wurde in Darmstadt heiß diskutiert. Welche Schwerpunkte sollen künftig gesetzt werden, welche Änderungen sind nötig? Hauptdiskussionsgegenstand bei der Gesellenprüfung – man höre und staune, die Dauerwelle: ungeliebtes Stiefkind, das aber immer noch im ersten Teil der Gesellenprüfung (GP1) einen hohen Stellenwert einnimmt. Zu Recht, sagen die einen, zählt sie doch zu den klassischen Dienstleistungen, die das Friseurhandwerk zu einem großen Teil ausmachen und die Existenz der Anlage-A garantieren. Altbacken und demotivierend für die Azubis, so die Gegenstimmen, die anführen, dass die Dauerwelle doch so gut wie gar nicht mehr in den Salons praktiziert werde, geschweige denn sich freiwillige Modelle für die Prüflinge finden lassen. Die Dauerwelle passe nicht in die meisten Salonkonzepte und somit auch nicht ins Ausbildungskonzept, finden vor allem die jüngeren anwesenden Obermeister(innen). Der Lehrling müsse im ersten Teil seiner Ausbildung motiviert und nicht abgeschreckt werden. Daher gehöre dieses Lernmodul bestenfalls in die GP 2, wurden Stimmen laut.

 

 

Reform der Ausbildungsverordnungen noch in diesem Jahr?

Die Erstellung von Lernapps, auf die auch die Berufsschulen zurückgreifen können, die überbetriebliche Ausbildung, das frühe Erlernen der Kommunikation, Modetrends, Verkaufsstrategien sowie Social Media als Lernfeld sollten in der Ausbildungsordnung fest verankert sein. „Teil 1 muss wichtiger werden“, sagt Robert Fuhs. Vor allem die Beratung sollte im ersten Teil der Gesellenprüfung im Fokus stehen, damit der Azubi schnell selbstsicher am Kunden arbeiten kann. Fuhs plädiert in seinem Vortrag für die Vereinheitlichung der Gesellenprüfungsmappe sowie der Meisterprüfungsmappe, um die Prüfungen transparenter zu machen und zu verhindern, dass weniger gut geschulte Prüfer den Auszubildenden womöglich die Chancen auf einen guten Abschluss minimieren. In der Meisterprüfung müsse vor allem das unternehmerische Denken viel mehr aufgegriffen werden, so Fuhs. Die zu ändernden Punkte sollen in den kommenden Wochen und Monaten ausführlich auf breiter Ebene mit allen Beteiligten besprochen und verabschiedet werden, sodass der Zentralverband den politischen Instanzen und Entscheidungsträgern einen hieb- und stichfesten fertigen Entwurf präsentieren kann. Strukturentwürfe existieren bereits. Ob alle Änderungswünsche berücksichtigt werden können, bleibt fraglich, da sowohl Gesellen- als auch Meisterprüfung Strukturen beinhalten, die für alle Handwerke gesetzlich verbindlich sind. Robert Fuhs zeigt sich jedoch zuversichtlich, eine Umstellung der Ausbildungsordnung noch in diesem Jahr auf den Weg zu bringen und mit den Juristen ins Gespräch zu gehen

v.l.n.r.: Louisa Braune, Laura Meschede-Pütz (ZV), Katrin Rasch (Forschungsinstitut Berufsbildung), Jörg Müller

„Es darf nicht leichter werden, Friseur zu werden“

„So viele Länder beneiden uns um unser duales Ausbildungssystem“, weiß Robert Fuhs, macht aber immer wieder deutlich, dass Modernisierungsmaßnahmen dringend notwendig sind. Er ist dafür, möglichst schnell, wenn auch in Maßen, auf den Zug der Digitalisierung aufzuspringen. Seine Idee: beim Zentralverband eine zentrale Onlineplattform zu etablieren, ausgedehnt auf die Landesinnungsverbände. Auch die Nutzung digitaler Medien, die Entwicklung von Lernapps sowie das Führen digitaler Berichtshefte und Prüfungsmappen in digitaler Form (hier sind auch Prüfer und Ausbilder gefragt) gehören seiner Meinung nach zu den Modernisierungsmaßnahmen im dualen System. Fuhs sieht die Probleme bei der dualen Ausbildung allerdings in erster Linie auch in den Betrieben selbst: „Viele Ausbilder bilden gar nicht nach dem Rahmenbildungsplan aus, sondern lehren nur das, was sie selbst im Geschäft machen! Kein Wunder, sagen die Lehrlinge dann irgendwann, hier lerne ich nichts, ich will in einen anderen Betrieb!“ Wichtig, so Fuhs, sei bei allen Reformen der Verbleib der Anlage A, da es auch im Hinblick auf die vielen 17.500 Euro-Salons keineswegs leichter werden darf, Friseur zu werden.

„17.500 Euro-Salons lassen sich nicht kippen!"

Stichwort, da auch ein Stachel nicht nur für die anwesenden Obermeister(innen), sondern für alle Betriebe, die mehr als 17.500 Euro Umsatz pro Jahr machen und somit im Gegensatz zu ihren Kolleginnen und Kollegen der Umsatzsteuerpflicht unterliegen und am Vorsteuerabzugsverfahren teilnehmen. Stein des Anstoßes: Die Betriebe unterhalb dieser Grenze werden offensichtlich weder vom Zoll noch vom Finanzamt überprüft, ob diese Grenze auch tatsächlich eingehalten wird. Viele Friseure, die darüber verärgert sind, gehen bereits bei ihren örtlichen Handwerkskammern oder Politikern und Juristen auf die Barrikaden, kämpfen dabei leider jedoch meist gegen Windmühlen. Seit diesem Jahr besteht die Pflicht zur Kassenschau, diese Betriebe sollten hier tunlichst nicht ausgelassen werden, fordern die anwesenden Friseure in Darmstadt. Der LIV Niedersachsen hat bereits ein Strategiepapier ausgearbeitet, das als Anforderung für das Finanzamt gelten soll, wie man diese Betriebe künftig prüfen sollte, und zwar nicht nur nach Aktenlage wie bisher! Der Vorschlag einer Teilnehmerin, die Regelung der 17.500 Euro-Salons zu kippen bzw. zeitlich zu begrenzen, sei juristisch nicht möglich, wie Joachim Weckel, Justitiar beim Zentralverband, erklärt: Diese Regelung sei verfassungsrechtlich und über das Friseurhandwerk hinaus fest definiert. Weckel fordert die Teilnehmer und ihre Innungsmitglieder auf, politische Gespräche mit der Finanzverwaltung zu suchen, um die Kontrollen zu verschärfen. Was jedoch nicht erreicht werden könne, sei das Kippen oder Modifizieren dieser Regelung, denn die 6. Mehrwertsteuer-EU-Richtlinie besagt, dass alle Änderungen am Mehrwertsteuersystem nur gesamteuropäisch gemacht werden können. Gleichzeitig ermuntert Weckel die Teilnehmer, dennoch Flagge zu zeigen, denn wenn ein Betrieb, der unter die 17.500 Euro Regel fällt, des Betrugs überführt werde, den erwarte ein saftiges Steuerverfahren. Außerdem weist Weckel darauf hin, dass andere Handwerke bereits eine Erhöhung dieser Mindestumsatzgrenze auf 50.000 bzw. 75.000 Euro anstrengen. Eine Durchsetzung dieser Forderungen hätte dann auch fatale Folgen für das Friseurhandwerk.

Fazit

Der Zentralverband und seine Innungsobermeister/innen haben in Darmstadt gezeigt, dass in den kommenden Monaten vieles unternommen wird, um das negative Image rund um unseren schönen Beruf endlich aufzubrechen. Natürlich gibt es dabei viel zu tun und der Zentralverband als oberstes Organ unserer Branche und offizielles Sprachrohr zu den politischen Entscheidungsträgern trägt dabei die größte Verantwortung. „Wir müssen sicherstellen, dass die duale Ausbildung und die damit verbundenen gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden“, sagt Präsident Harald Esser. Mit diesem Bildungssystem werde schließlich auch die wirtschaftliche Struktur des Friseurhandwerks abgesichert. Dennoch wurde in Darmstadt deutlich gemacht, dass das duale System ergänzende private Ausbildungen durchaus Sinn machen und vom ZV auch befürwortet werden. Je geringer die Unterstützung seiner Basis – den Innungsmitgliedern – desto weniger wird der Zentralverband als Dach der Landesinnungsverbände und Friseurinnungen die erfolgreiche Durchsetzung seiner Ziele jedoch bewirken können. Daher sollten möglichst viele Friseure an einem Strang ziehen! Darauf wurde in Darmstadt immer wieder von allen Beteiligten deutlich hingewiesen. Safet Skeric, stellvertretender Obermeister der Friseurinnung Düsseldorf, bringt es auf seiner Facebookseite auf den Punkt: „Ich kann allen Kollegen nur dringendst raten, Innungsmitglied zu werden. Wer rumdruckst wegen ein paar Euro Jahresbeitrag und sich dann über fehlende Rückendeckung auf politischer Ebene beschwert, der möge bitte in Zukunft schweigen.“





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