Friseurberuf als Burnout-Falle?

Multitasking ist Friseuralltag. Für viele ist sogar Turbotasking das tägliche Brot: Noch schnell diese Kundin reinschieben, eben für eine andere die Farbe vorbereiten; dazwischen organisieren, Ware bestellen und in Eile noch ein Sandwich im Stehen... Kein Wunder, dass das Thema Burnout auch vor dem schönsten aller Berufe nicht Halt macht. Im Gegenteil! Was also ist zu tun, wenn man selbst oder ein Teammitglied im Salon einfach ausgebrannt ist? Autorin Simone Frieb hat eine Frau gefragt, die es wissen muss: Jana Ritzen ist Coach mit dem Spezialgebiet Burnout. Und sie ist selbst – wie sie sagt - „ehemaliger Burni“.

Der Weg ist das Ziel: Raus aus dem Burnout

Der Weg ist das Ziel: Raus aus dem Burnout © Fotolia

Vor allem Menschen in Berufen mit „starker sozialer Interaktion“ seien von Burnout-Erkrankungen betroffen, so verraten aktuelle Studien. Unter Friseuren sind das sind gleichermaßen Chefs wie Mitarbeiter. Und doch: Kaum jemand spricht darüber, wenn der Akku platt ist und man ausgebrannt nur noch starr auf die nächste Welle wartet. Zwar kennt jeder einen, der einen kennt... . Und Burnout pusht auch als Titelthema so manch laue Magazinauflage. Dennoch haben Betroffene nicht selten das Gefühl, völlig allein mit dem Thema dazustehen. Und das, obwohl Statistiken eine völlig andere Sprache sprechen: laut einer aktuellen Umfrage fühlt sich jeder zweite Bundesbürger von Burnout bedroht*. Eine weitere Untersuchung** belegt, dass sich seit 2006 die Krankheitslast in Deutschland aufgrund von Burnout-Erkrankungen sogar verzwanzigfacht hat! Was also ist zu tun, wenn man selbst oder ein Teammitglied im Salon einfach ausgebrannt ist?  *DAK, **pronova BKK

Jana Ritzen, Coach

Jana Ritzen über Stress und Burnout

Was genau verstehen Sie unter dem Burnout-Syndrom? Welches sind die Symptome?

Jana Ritzen: Das Burnout-Syndrom ist eine Bezeichnung von chronifiziertem Stress. Es handelt sich dabei um eine Ansammlung verschiedener vegetativer Stresssymptome, die keine Ausnahme mehr sind, sondern sich schon zu einem Dauerzustand entwickelt haben. Aus meiner Arbeit als Coach und aus meiner persönlichen Erfahrung heraus würde ich Burnout als die Unfähigkeit bezeichnen, nicht zielführende Strategien zur Bedürfniserfüllung loslassen zu können. Stress an sich ist überlebensnotwendig. Ohne Stresshormone wären wir am Morgen nicht in der Lage, uns aus dem Bett zu erheben. Doch stetiger negativer Stress, sogenannter Distress, führt Menschen langsam, aber sicher in den Zustand des Ausgebranntseins. Klienten mit Burnout sind sich nicht bewusst, welche Bedürfnisse sie haben geschweige denn, wie sie sich diese erfüllen könnten. Um ihr Leben mit ständiger Anspannung in den Griff zu bekommen, halten sie blind an Strategien fest, die schlicht nicht funktionieren. Dadurch geraten sie immer mehr in die Burnout-Spirale. Am Ende bleiben völlige Erschöpfung und eine innere Leere. Die körperlichen Folgeerkrankungen sind individuell wie die Menschen selbst. Sie reichen von Herz-/Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck und Asthma über Nacken- und Rückenschmerzen bis hin zu einer Erschöpfungsdepression u.v.m..

 

Sie sagen, dass Burnout ein schleichender Prozess ist. Welche Warnsignale sollte man ernst nehmen?

Jana Ritzen: Menschen, die sich auf ein Burnout zubewegen, verändern ihre Verhaltensweise. Sie agieren z. B. häufig unzuverlässiger als gewohnt, reagieren oft zynisch oder aggressiv, sind weniger kritikfähig, kompromisslos und kapseln sich häufig ab. Sie sind ständig – auch körperlich – angespannt, wirken manchmal sogar erstarrt und sind am Ende des Tages völlig ausgelaugt. Und sie lachen wenig bis gar nicht mehr. Das liegt daran, dass sie sich gefühlt ständig in einer Rechtfertigungsposition befinden. Ihnen geht es wirklich nicht gut. Sie sind sogar regelrecht verzweifelt, weil ihnen ihr Leben gerade wegzubrechen scheint. Und sie wissen nicht, woran es liegt und somit auch nicht, was sie dagegen unternehmen könnten. Es funktioniert einfach nichts mehr. Und je mehr Anstrengung sie unternehmen, umso weniger scheint zu funktionieren. Sie haben Angst, dass man ihnen nicht glaubt. Äußerlich ist ihnen nichts anzumerken. Auch die Ärzte finden keine Ursachen für ihre körperlichen Beschwerden. Nicht mehr zu lachen ist einerseits ein Symptom, das anzeigt, dass diese Menschen nicht loslassen können. Denn Lachen hat sehr viel mit Loslassen zu tun. Das fehlende Lachen ist teils jedoch auch bewusst, damit im Außen niemand auf den Gedanken kommen könnte, dass es ihnen gut ginge. Denn noch immer herrscht der Gedanke vor, dass es uns gut geht, wenn wir lachen. Die Lachyogis wissen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

 

Warum gehören Friseure zur Berufsgruppe der Burnout- Gefährdeten?

Jana Ritzen: Meine Vermutung ist, dass bei Friseuren einige Komponenten zusammenkommen: Mein Vater Peter Gress, selbst Friseur, glaubt, dass Friseure aufgrund der emotionalen Komponente Gefahr laufen, ein Helfer- Syndrom zu entwickeln. Da stimme ich ihm bei, da ich grundsätzlich das Thema Abgrenzung im Fokus sehe. Viele Friseur-/Kundenbeziehungen sind sehr freundschaftlich, und ein Teil des Berufes ist es, das Wohlbefinden anderer Menschen zu steigern. Diese Nähe, und vielleicht auch die Berührung, verleitet zahlreiche Kunden dazu, ihren gesamten „Seelenmüll“ im Salon abzuladen – als Friseur ist man dem ausgesetzt. Man kann ja nicht einfach weggehen. Am Ende verlassen die Kunden den Salon hübsch und erleichtert. Wenn es einem da nicht gelingt, Distanz aufzubauen, nimmt man vieles von dem auf, was die Kundin im Salon lässt. Ein weiterer Faktor sind sicher oft engmaschige Terminierungen und Mittagspausen, in denen im Stehen nur schnell gegessen wird. Chefs haben dazu noch die Neigung, sich unentbehrlich zu fühlen. Bei fehlenden Bewältigungsstrategien begünstigt all dies zusammen schrittweise die Entwicklung eines Burnouts.

 

Ab welchem Punkt raten Sie, sich externe Hilfe zu holen?

Jana Ritzen: Viel, viel früher als die meisten denken! Die DGPPN* hat in 2012 ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie zum einen den Unterschied zu einer klassischen Depression darlegt sowie ein Konzept zum Übergang von Arbeitsbelastung zur Krankheit. Dort wird der Weg in ein Burnout in drei Phasen gegliedert: 1. Individuelle Faktoren und Arbeitsplatzfaktoren führen zu einer Arbeitsüberforderung, 2. Andauernde Arbeitsüberforderung führt zu einem Risiko-Zustand, Burnout genannt, und 3. der andauernde Risiko-Zustand führt in chronifizierten Stress und bringt unterschiedliche Folgeerkrankungen mit sich. Als Indiz für den 1. Schritt ins Burnout gilt beispielsweise bereits, wenn ein Mensch sich nach dem Wochenende nicht erholt fühlt und das Ganze 2-3 Wochen anhält. Zwei bis drei Wochen gar nicht oder wenig runterkommen – wer kennt das nicht? Nicht selten berichten Klienten auch, dass sie sich nach einem dreiwöchigen Urlaub immer noch müde und ausgezehrt fühlen. Oder dass sie plötzlich viele Überstunden machen müssen, um ihr gewohntes Pensum zu schaffen. Es klingt vielleicht dramatisch, aber schon an diesem Punkt ist es dringend wichtig und angeraten, über neue Strategien und Strukturen im Alltag nachzudenken. Auch Entspannungstechniken können helfen, diesen Dauerstress zu durchbrechen. Oft geht es nicht darum, Dinge besser, sondern einfach nur anders zu machen. Im Großen und Ganzen müssen Betroffene lernen, mit ihrem Stress anders umzugehen. Meiner Erfahrung nach vergrößert die frühzeitige Einbindung eines Coachs die Chance, dass man sich später den Gang zum Therapeuten sparen kann. *Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V.

 

Ihre Website heißt „die glücksschmiedin.com“. Was lernen Menschen, die sich mit einem Burnout an Sie wenden?

Jana Ritzen: Zunächst einmal ist wichtig zu erwähnen, dass ich akute Burnout- Patienten zu einem Therapeuten weiterleite. Ich bin zwar Spezialistin für Burnout, aber ich arbeite mit Klienten primär, wenn sie bemerken, dass sich ihr Leben in eine ungünstige Richtung entwickelt und der Stress überhand nimmt oder nach einer Intervention, Therapie oder einem Klinikaufenthalt ergänzend zur Therapie. In einigen Fällen habe ich Hilfesuchende auch dabei unterstützt, die lange Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken. Aber das sind Ausnahmen. Mit meiner Arbeit unterstütze ich Klienten dabei, ihre persönlichen, grundlegenden Werte zu formulieren und auf dieser Basis Strategien und Strukturen für ihren Alltag zu entwickeln. Dazu gehört aus meiner Erfahrung immer die Fähigkeit, sich angemessen abzugrenzen. Wichtig ist es, dass Menschen klären, was sie möchten und was nicht. Wo ihre Grenzen sind und Ziele, für die sie einstehen. Wir klären Fragen wie: Was ist mir wichtig im Leben? Welches sind meine eigenen Werte? Was würde mich zufrieden machen? Was möchte ich über mein Leben sagen können, wenn ich auf dem Sterbebett liege? Es gilt eine Hierarchie der Werte zu erarbeiten. Ein sehr großes Thema sind unbewusste und unerfüllte Bedürfnisse. Sich klar zu machen, weshalb man sich wie verhält und zu erkennen, welches Bedürfnis man sich damit versucht zu erfüllen, ist wesentlich. Danach entwickeln wir gemeinsam Strategien, wie man zum Ziel kommen kann. Wichtig ist es, diese Strategien zu integrieren. Nur dann kommen Personen ins Handeln! Ich begleite also einen zutiefst persönlichen Prozess, in dessen Verlauf Klienten lernen, sich selbst und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen – und dies auch zu kommunizieren.

 

Was ist in diesem Prozess noch wichtg?

Jana Ritzen: Teil der Veränderung ist es, an den richtigen Stellen „Nein“ zu sagen und sich vom Umfeld abzugrenzen. Dann erst können Betroffene ihre Lebenssituation bewusst und proaktiv gestalten. Burnout Gefährdete lassen sich leben. Das heißt, sie reagieren auf ihr Umfeld, statt es proaktiv zu gestalten. Dies ist ein Aspekt, der ins Burnout führt, weil das Leben von Außen bestimmt wird. Hinzu kommt, dass Perfektionismus, mit dem viele Gefährdete zu kämpfen haben, ein starrer Zustand ist, der nicht erstrebenswert ist und gegen alle Regeln des Lebens spricht. Es ist von Vorteil, begreifen zu lernen, dass das einzig Beständige im Leben die Veränderung ist. Das bedeutet, dass ich Situationen der Schwäche oder einen Misserfolg als natürlichen Teil des Lebens anzusehen lerne. Es gibt gute und schlechte Tage, wie es Ying und Yang gibt. Wer diesen fließenden Prozess anerkennt, erkennt, dass Bewegung normal und notwendig ist. Das ist wie beim Fahrradfahren: Wer sich nicht bewegt, verliert die Balance.

 

Was kann ich als Vorgesetzter* tun, wenn ich den Eindruck habe, dass ein/e Mitarbeiter* ausgebrannt ist? Ansprechen oder schweigen und schonen?

Jana Ritzen: Auf keinen Fall schweigen! Es ist wichtig, Betroffene behutsam zu konfrontieren, um einen Weg aus der Spirale zu ebnen. Nehme ich einem Mitarbeiter Aufgaben weg, kann ich damit seine fehlgeleiteten Strategien, die ihn gerade ins Burnout treiben, noch befeuern, weil er oder sie sich möglicherweise noch unzulänglicher fühlt und sich dann noch mehr anstrengt. Allerdings ist das „WIE“ entscheidend! Zeigt sich ein Mitarbeiter oder Angehöriger wesensverändert, rate ich, mal ein oder zwei Wochen lang über die Beobachtungen Buch zu führen. Hat man Beispiele Schwarz auf Weiß, ist es für den Betroffenen einfacher, das Ganze nachzuvollziehen. Die Kritik erscheint weniger zufällig. Denn Betroffene selbst haben oft eine völlig andere Wahrnehmung, da ihnen die Distanz zu sich selbst fehlt. Danach kann man gemeinsam nach einer Lösung suchen. Ich hatte schon Klienten, die wurden vor dem Eintreten ins Burnout von ihren Chefs zu mir geschickt. Das ist natürlich ideal, weil man signalisiert, dass man hinter jemandem steht und den Prozess unterstützt. Zudem ist es häufig auch wirtschaftlich günstiger für Unternehmer, frühzeitig einen Coach zu finanzieren als später langfristigen Krankheitsausfall. Um Burnout vorzubeugen empfehle ich Vorgesetzen, Mitarbeiter grundsätzlich zu motivieren, den Mund aufzumachen, wenn sie etwas nicht schaffen oder am Limit sind. Dann erst kann ein Chef glaubhaft die Erwartung vermitteln, dass es die Verantwortung der Angestellten ist, sich gut um sich selbst kümmern.

 

Über Jana Ritzen: Jana Ritzen ist Coach*, Führungskräfte-Trainerin und Lachyoga-Lehrerin. Neben klassischen Coachings bietet sie ImpulsCoaching, Webinare, Workshops und Vorträge zum Thema Abgrenzung und Burnout an. Jana lebt und arbeitet in Braunschweig. Mehr Informationen unter www.diegluecksschmiedin.com

 

Wissenswertes zum Thema: Checklisten und weitere Arbeitshilfen sowie vertiefende Informationen zum Thema bietet ein neuer BGW-Ratgeber für FührungskraÅNfte und Unternehmensleitungen. Die Broschüre „Erschöpfung erkennen – sicher handeln“ findet sich unter www.bgw-online.de, Suchbegriff: 08-00-115. Sie lässt sich dort als PDF herunterladen und kann von Mitgliedsbetrieben der BGW auch kostenlos als gedrucktes Heft bestellt werden.

 

Buchtipps:

„Burn-out. Wenn die Maske zerbricht. Wie man Überlastung erkennt und neue Wege geht“ von Dr. Manfred Nelting

„Der Burnout-Irrtum. Ausgebrannt durch Vitalstoffmangel – Burnout fängt in der Körperzelle an“ von Uschi Eichinger und Kyra Hoffmann

Burnout-Selbsttest unter www.gezeitenhaus.de

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