Friseurinnen werden laut: Was wir jetzt brauchen!

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Verschaffen sich Gehör: Friseurunternehmerinnen werden laut!
Foto: Mego-Studio / Freepik
Verschaffen sich Gehör: Friseurunternehmerinnen werden laut!

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Viele Friseurinnen sind derzeit leise. Nicht etwa, weil sie nichts zu sagen hätten. Oft fehlen ihnen schlichtweg Zeit und Kraft. Da stellt sich die Frage: Leiden Salonunternehmerinnen anders unter der Coronakrise als ihre männlichen Kollegen? Mutige Salonunternehmerinnen über ihre Nöte und Sorgen in Zeiten von Lockdown und Homeschooling.

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Was wir jetzt brauchen – Friseurunternehmerinnen werden laut!

„Frauen gehen anders mit Problemen um“

In sich selbst zu investieren, zahlt sich immer aus!

Martina Lederer, Bad Tölz

„Mich stört, dass ich kaum Planbarkeit habe und ich von Entscheidungen der Politik abhängig bin. Als Unternehmerin muss ich planen. Kurzfristig, mittelfristig sowie langfristig muss ich eine Strategie für mein Unternehmen entwickeln. Das ist momentan allerdings sehr schwer. Was heute zählt, kann morgen schon über den Haufen geworfen werden. Das macht noch mehr Arbeit. Zudem bin ich Mutter eines siebenjährigen Sohnes, der Zuhause im Homeschooling betreut werden muss. Das funktioniert grundsätzlich ganz gut, weil ich ja jetzt die Zeit dazu habe. Allerdings muss ich mich oft anstrengen, um meinen Kopf auszuschalten und mich auf die Situation zu konzentrieren. Dieser Spagat zwischen Mama und Unternehmerin ist im Moment nicht immer leicht. Auch wenn wir Friseurunternehmer und -unternehmerinnen derzeit ähnliche Probleme haben, denke ich, dass wir Frauen anders mit diesen Problemen umgehen. Männer denken meist rationaler und sachlicher. Bei mir kommen doch oft die Emotionen durch. In meinem Kopf kreisen ständig die Gedanken; da muss ich mich selbst immer wieder auf das Hier und Jetzt fokussieren. Ich wünsche mir von unserer Politik, dass wir die richtigen Hilfen bekommen. Und zwar sofort, unbürokratisch und ohne diese nachher zurückzahlen zu müssen. Uns werden vollkommen unverschuldet unsere Einnahmen weggenommen und dann wird erwartet, dass wir unser Erspartes für den privaten Lebensunterhalt, für Krankenkasse und Altersvorsorge etc. aufbrauchen sollen. Ich wünsche mir, dass das in den Hilfen berücksichtigt wird. Zudem brauchen wir finanzielle Unterstützung, wenn wir Auszubildende beschäftigen – und zwar zu 100 Prozent, um die Ausbildung in unserem Beruf zu sichern. Wir brauchen den Nachwuchs in unserer Branche. Zusätzlich wünsche ich mir eine Erhöhung des Kurzarbeitergeldes für Mitarbeiter, um Schwarzarbeit zu verhindern. Im ersten Lockdown habe ich das KUG für mein Team auf 100 Prozent aufgestockt. Das ist mir jetzt leider nicht mehr möglich.“

„Durch die familiäre Einbindung ergeben sich zusätzliche Herausforderungen“

Gabi Stern, Asperg

„Ich würde nicht unbedingt sagen, dass Unternehmerinnen andere Probleme als die männlichen Kollegen haben. Durch die familiäre Einbindung ergeben sich nur zusätzliche Herausforderungen, die es erst mal zu bewältigen gilt. Zu den momentan belastenden Baustellen kann zum Beispiel das Homeschooling zählen und gegebenenfalls darüber hinaus das „Entertainen“ der Kleinen. Das allein ist schon eine Mammutaufgabe. Wenn wir ehrlich sind, hängt das doch immer wieder an den Frauen. Selten sind berufstätige Ehemänner oder Partner bereit, ihre berufstätigen oder selbstständigen Frauen zu unterstützen. Selbstverständlich bestätigen Ausnahmen die Regel. Ein Spagat, bei dem wir versuchen, all diesen Aufgaben – Unternehmensführung und Familie – gerecht zu werden. Zusätzlich fehlt mir die weibliche Verbundenheit und/oder Schwesternschaft, um diesen emotional und wirtschaftlich belastenden Marathon durchzuhalten. Oft erlebe ich leider in den sozialen Medien, dass man sich gegenseitig zerreißt, statt sich zu solidarisieren und zu unterstützen. Zudem brauchen wir klare Aus- und Ansagen der Politik, damit wir handeln und letztendlich überleben können! Denn wir sind Unternehmerinnen – keine Unterlasserinnen! Ich würde mir wünschen, dass schnelle, unbürokratische Hilfe wie im Frühjahr ausgezahlt wird. Denn vielen geht langsam die Puste aus! Weiterhin – falls der Lockdown noch länger dauert – eine stärkere Kontrolle der Schwarzarbeit in unserem Handwerk, um der Wirtschaft und uns nicht noch mehr Schaden zuzufügen. Außerdem mehr Zuspruch für unsere Fachverbände, denn sie sind besser als ihr Ruf, sowie stärkeren Zusammenhalt in unserer Branche. Und nicht zuletzt mehr Wertschätzung in der Gesellschaft für unsere Berufung!“

In sich selbst zu investieren, zahlt sich immer aus!

„Langsam schwindet der Mut und der Wille“

In sich selbst zu investieren, zahlt sich immer aus!

Annemarie Graf, Frankfurt/Main

„Zuerst einmal ist es mir wichtig zu sagen, dass wir eine bunte Branche mit vielen Gesichtern sind, wo Frauen und Männer unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe arbeiten. Wir sind alle gleich und haben aktuell die gleichen oder zumindest sehr ähnliche Sorgen! Sicher ist, der Schuh drückt gewaltig und große Sorgen halten viele Unternehmer*innen von einem ruhigen Alltag im Lockdown ab. „Es ist einfach kein Ende in Sicht!“, „Wie lange schaffe ich es noch durchzuhalten?“ „Wie soll ich meine Familie versorgen?“ Schulden müssen abbezahlt werden; Miete, Nahrung und Auto kosten. Die Liste ist lang. Dazu kommt, dass es gerade bei den Friseur*innen mit Familie wichtig ist, für die Kinder die Fassung zu bewahren. Und nicht nur für die Kinder, auch für die eigenen Angestellten, die sich Sorgen um ihre berufliche Sicherheit machen. Die Unternehmerinnen fühlen sich im Stich gelassen und wünschen sich sehnlichst Transparenz und klare Aussagen. Das ewige Warten, die kurzfristigen Entscheidungen und vor allem die unterschiedlichen Aussagen der Länder verbreiten mehr Chaos in den Köpfen als Sicherheit. Auch finanziell fühlen sich die Friseurunternehmer*innen allein gelassen. Welche Hilfen stehen ihnen zu? Welche nicht? Wann kommen die Hilfen? Was muss zurückgezahlt werden? Eine quälende Unsicherheit, die keiner verdient hat. Was ich in den letzten Wochen in der Friseurcommunity erlebt habe, war und ist starker Zusammenhalt. Ein gemeinsames „Komm wir machen weiter!“, ein gegenseitiges Aufbauen und nach vorne schauen. Doch langsam schwinden der Mut und der Wille. Lebensträume und Existenzen sind stark bedroht. Das Verständnis für gesundheitliche Sicherheit (für Unternehmer*innen, Mitarbeiter*innen und Kund*innen) ist da. Wir möchten aufgefangen werden und brauchen Planbarkeit! Doch da scheint es doch einige Lücken im System zu geben.“

„Soll alles, was ich mir aufgebaut habe, jetzt so sang- und klanglos geopfert werden?“

Katharina Kalinowsky, Tostedt

„Vorneweg: Ich möchte mit meinem Statement den kleinen frauengeführten Familienunternehmen eine Stimme und ein Gesicht geben; machen sie doch mehr als 70 Prozent unserer Branche aus. Was ist für die Frauen unserer Branche jetzt so anders als für unsere männlichen Kollegen während dieser Pandemie? „Alles und auch wieder nichts!“, lautet die ehrliche Antwort. Alles, weil wir emphatisch und mit sehr aktiven Spiegelneuronen eben mitleiden: mit ängstlichen Mitarbeitern, betroffenen Kollegen, unseren Kindern, dem gestressten Mann und der einsamen Schwiegermutter – erst dann kommen meist die eigenen Existenzsorgen. Die meisten von uns schlafen mit diesen Gedanken ein und wachen damit auf. Soll all das, was ich mir in den vielen Jahren aufgebaut habe, jetzt so sang- und klanglos geopfert werden? Was kommt danach? Darin unterscheidet sich auch wieder nichts von unseren männlichen Kollegen. Ich habe mich nach dem Abitur für unseren schönen Beruf entschieden, wählte ein ordentliches Handwerk statt einer akademischen Karriere. Ich habe gedacht, mit harter Arbeit und Einsatz werde ich in meinem Beruf immer Geld verdienen. Ich habe gut kalkuliert und vernünftige Rücklagen gebildet. War es vielleicht naiv zu glauben, dass ich als alleinerziehende Unternehmerin von meinem Handwerk leben kann? Ich habe zugunsten meiner Arbeit so viel Zeit mit meiner Tochter geopfert und ihr dafür frühe Fremdbetreuung zugemutet, um dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen. Dem Staat, der seine Steuerzahlerin grade so ungerecht und bitter im Regen stehen lässt. Ich weiß grade nicht mehr, ob sich mein Opfer wirklich gelohnt hat. In diesen Zeiten, in denen sich viele meiner Kolleginnen plötzlich (statt als stolze Unternehmerin!) in einer Rolle wiederfinden, die verdammt dem Ideal der 50er-Jahre Hausfrau ähnelt, ist es schnell vorbei mit den Illusionen. Es ist grade Mitternacht, während ich das hier schreibe. Ich bin todmüde, ich habe seit Wochen nicht richtig geschlafen, dafür allein heute 13 Stunden für Heim, Kind und Vaterland geschuftet, sodass mir mein Job im Salon dagegen vorkommt wie ein Wellnessurlaub. Verrückte Welt? Nein, ein normales Leben von engagierten Frauen, die in unserer Branche ihren Mann stehen. Ist das ein Klischee? Ja, aber leider grade in diesen Zeiten ohne Schulen, Putzfrauen und Großeltern erschreckend real.“

In sich selbst zu investieren, zahlt sich immer aus!

„Was fehlt, ist die Wertschätzung!“

In sich selbst zu investieren, zahlt sich immer aus!

Mandy van den Bosch, Mannheim

„In der Coronakrise sehe ich ein Defizit, das schon immer da war, aber politisch und gesellschaftlich gern verharmlost dargestellt wurde: die Vereinbarkeit, wenn Frauen sich für Kinder und für eine berufliche Entwicklung und Verantwortung entscheiden. Es fehlt die eigene und gesellschaftliche Wertschätzung! Für eine Mutter, die sich derzeit im Homescooling mit ihren Kindern befindet und gleichzeitig mit Steuerberater und Banken darüber auseinandersetzt, wie sie ihre Firma rettet. Für eine Ausbilderin, die seit über 30 Jahren vielen jungen Menschen eine Perspektive im Friseurhandwerk ermöglicht hat und nun auf Kinderbetreuungsmodelle stößt, die nur für Angestellte entwickelt wurden. Wo ist die Unterstützung, damit ich wenigstens meine Krankenkasse (meine Kinder sind über mich versichert) von 1200 €, meine Miete und mein Essen bezahlen kann? All dies enttäuscht mich, zermürbt und macht müde! Ob Unternehmerin oder Unternehmer – wir sitzen derzeit alle im selben Boot. Mein Mann und ich sind selbstständig; uns beiden gehört das Geschäft. Und damit sind wir beide seit dem 09.12.20 ohne Einkommen. Wir brauchen gerade unsere Rücklagen auf. Beide lieben wir unsere Kinder. Zum Glück sind wir im beruflichen und familiären Bereich gleichberechtigte Partner, die sich gegenseitig unterstützen. Das ist ein großes Geschenk und sicher eine Ausnahme. Ich glaube, dass Friseurinnen oft die Vielfachbelastung mit Kindern, Beruf, Haushalt, ohne Einkommen oder nur mit Kurzarbeitergeld gravierender erleben als viele männliche Kollegen. Und diese Ungleichheit, wenn es sie gibt, sollten wir auch ansprechen und Lösungen dafür finden. Schließlich sitzen wir auch hier alle im gleichen Boot; egal ob männlich oder weiblich, ob Angestellte oder Unternehmer: Wenn das Boot in Schieflage gerät, können wir alle damit untergehen. Neben einer schnellen und gleichberechtigten Ausschüttung von Coronahilfen wünsche ich mir mehr Aktivismus vom Zentralverband, der Innung und der Handwerkskammer. Ich werde zwar per E-Mail gut informiert, aber die gleichen Informationen lese ich zeitnah auch in Zeitungen oder auf Internetseiten. Die besten Aktionen waren bislang von Fachzeitungen, Friseurberatern und von Friseuren selbst, die nichts mit diesen Institutionen zu tun haben. Hier wünschte ich mir von unseren offiziellen Vertretern der Branche mehr Präsenz, sichtbarere Öffentlichkeitsarbeit und vor allem anspruchsvolle Aktionen.“

„Wir möchten endlich wieder zurück in unsere Geschäfte“

Martina Acht, Offenbach

„Beim ersten Lockdown war die Soforthilfe ganz schnell da! Wir mussten zwei Nachfragen beantworten, und ein paar Tage später hatten wir das Geld auf unserem Konto! Jetzt bekommen die Steuerberater ständig neue Anträge, die kurze Zeit später verworfen werden! Im Dezember wurde still und leise das Kleingedruckte geändert und – zack – haben wir Friseure bis zum 15.12.20 60 Prozent unserer Dezemberumsätze gemacht! Und für Januar gibt es auch nichts! Unsere Umsätze letztes Jahr waren angeblich zu gut. Dabei haben wir mit unserem Team Überstunden geschoben und auf Ferien verzichtet! Die Mitarbeiter und wir mussten für das Kurzarbeitergeld zehn Tage ihres Jahresurlaubs opfern! Gott sei dank haben wir als Unternehmerinnen keinen Nachteil zu männlichen Kollegen; wir leben Emanzipation!!! Wir wünschen uns, mehr gehört zu werden, wir gehören zum Mittelstand Deutschlands und zahlen 60 Prozent aller Steuern. Wir möchten nicht belogen werden und Hilfen versprochen bekommen – und dann NICHTS! Wir wünschen uns Politiker mit wirtschaftlichem Denken und keine Berufspolitiker, die niemals ein Unternehmen geführt haben und keine Verantwortung für Mitarbeiter hatten! Mitarbeiter sind uns sehr wichtig! Wir haben alle Hygienemaßnahmen erfüllt und in vieles investiert (Abluftanlage, Plätze reduziert, Plexiglasabtrennungen, Desinfektion und FFP2-Masken für uns und unsere Mitarbeiter). Wir möchten endlich wieder zurück in unsere Geschäfte.“

 

Friseurin? Stylistin? Oder gar Friseuse? Zur Etikette und Geschichte der Berufsbezeichnung Friseurin

In sich selbst zu investieren, zahlt sich immer aus!