Helmut Lenzen, FPE: „Jetzt müssen die Ehrlichen gerettet werden!“

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Morgen in der MinisterpräsidentInnenkonferenz fällt die Entscheidung hinsichtlich der Fortsetzung nötiger Einschränkungen des öffentlichen Lebens, von Dienstleistungen und des Handels auf Bundesebene. Helmut Lenzen, geschäftsführender Vorstand der FPE Friseur- und Kosmetikbedarf eG. verrät uns im Interview, wie er die derzeitige prekäre Situation im Friseurhandwerk einschätzt.

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Herr Lenzen, durch zahlreiche Kampagnen seitens der Verbände, Friseurvereinigungen und Fachmedien entspann sich eine öffentliche Diskussion, inwiefern Friseure der Schwarzarbeit nachgehen oder ob Kunden dies von ihnen verlangen, verstärkt durch Berichte über übertrieben großzügige Entlohnungsangebote. Sind das Ihrer Meinung nach derzeit die wahren Probleme in unserer Branche? Helmut Lenzen: Natürlich gibt es auch immer Schwarzarbeit und vielleicht nimmt dies momentan auch zu. Es mag sein, dass einige Friseure die Gesundheit ihrer Kunden – aber auch die eigene und die der eigenen Familie – riskieren. Aber letztendlich sprechen wir von rund 80.000 Betrieben und über 140.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Von denen halten sich – fast – alle an Regeln und Gesetze. Der Anteil der Friseure, der in der Schattenwirtschaft tätig ist, macht eben nur einen Bruchteil aus. Die jüngsten Ausführungen des Bundesinnenministers könnten jedoch den Eindruck erwecken, dass die Branche komplett in die Schattenwirtschaft gewechselt wäre. Nun müsse man laut Seehofer die Friseursalons öffnen, allein um Schaden von der öffentlichen Gesundheit abzuwenden, die aus verantwortungsloser Schwarzarbeit unter unhygienischen Umständen resultiert.

Wenn wir von der Friseurbranche sprechen, sprechen wir größtenteils von kleinen Unternehmen, die in den letzten 12 Monaten fast die Hälfte der Zeit bei laufenden Kosten keine Umsätze hatten und in der restlichen Zeit nur ein eingeschränktes Geschäft und zudem in Hygienemaßnahmen investieren mussten. Friseurbesuche, die in dieser Zeit nicht stattgefunden haben, werden nicht nachgeholt – sie sind ersatzlos gestrichen. Umsätze, die in der Planung vorgesehen waren, werden niemals realisiert. Friseurbesuche sind für die meisten Menschen kein notwendiges Übel. Ganz im Gegenteil: sie sind eine Pause vom Alltag, Teil einer individuellen Ästhetik und dienen der Gestaltung der eigenen Persönlichkeit. Darauf verzichten – fast – alle Friseurkunden momentan. Das ist die Realität, die thematisiert werden sollte, und nicht die wenigen Ausnahmen.

Wie sehr sehen Sie die Branche gefährdet? H.L.: Allein an unseren Lagern lässt sich ablesen, was momentan in der Branche geschieht – nichts! Dank unserer 45 Außendienstmitarbeiter, die bundesweit Friseure betreuen, wissen wir aber, wie die Stimmung ist. Waren im Frühjahr 2020 die meisten noch zuversichtlich, ist dieser Optimismus häufig vergangen. Werden nicht schnell effiziente Unterstützungsmaßnahmen angeboten, befürchte ich mehrere Tausend Geschäftsaufgaben in den nächsten 18 Monaten.

Wieso vermuten Sie Geschäftsaufgaben auch lange nach einer Wiedereröffnung, wenn vielleicht sogar keine weitere Schließungen nötig wurden? H.L.: Ein Friseurbesuch ist für die meisten Kunden ein wiederkehrender Anlass. Für den Friseur – in den meisten Fällen – eine genau kalkulierte Dienstleistung. Hinzu kommt, dass anders als in vielen anderen Handwerken, viele Friseure es nicht durchsetzen konnten ihre Preismodelle an die aktuelle Kostenstruktur anzupassen. Die Umsatzausfälle der letzten Monate können niemals nachträglich realisiert werden. Die Kosten – Miete, Nebenkosten und Personal – waren aber größtenteils fortlaufend. Hinzu kommt, dass die Hilfsmaßnahmen die Lebenshaltungskosten selbstständiger Friseurunternehmer kaum berücksichtigt haben. In der Konsequenz wurden Rücklagen aufgebraucht und teilweise wird bereits jetzt eine hohe Bugwelle der Neuverschuldung vor sich hergeschoben.

Wie könnten einheitliche Forderungen der Branche klingen? H.L.: Gar nicht abgehoben! Überbrückungshilfen sollten schnell und unkompliziert fließen. Friseure sind meistens keine Riesenunternehmen mit eigener Buchhaltungsabteilung. Der Engpass ist häufig Beantragung und Bewilligung, das darf nicht sein, es muss schneller gehen. Ich bin mir sicher, wie immer wird es auch hier den einen oder anderen in jeder Branche geben, der versucht, das System zu betrügen. Jetzt müssen die Ehrlichen, die letztendlich das System mitfinanzieren, gerettet werden – und Betrüger im Nachhinein identifiziert werden. Wenn nicht alle Ausfälle der letzten 12 Monate kompensiert werden können, dann wäre zudem die Sicherstellung der Liquidität durch langfristige, kostengünstige Kredite wünschenswert. Auch hier ist eine schnelle und unkomplizierte Bearbeitung angezeigt.

Es liegt also nur am Geld? H.L.: Ganz klar nein! Nach dem hohen Einsatz in Hygienemaßnahmen, die eine 2. Schließung nicht verhindern konnte, ist auch die Planungssicherheit ein wesentliches Thema. Unternehmer benötigen zuverlässige Aussagen – keine, die nur gut klingen. Sich nochmals versprechen zu lassen, dass ein weiterer Lockdown nicht droht und es dann doch zu erleben, hilft nicht. Dann lieber unangenehme und berechenbare Aussagen, die eingehalten und mit entsprechenden Kompensationen verbunden werden. Mit der Planungssicherheit lässt sich auch die Forderung nach der Wiedereröffnung verbinden.

Was würden Sie der Branche darüber hinaus wünschen? H.L.: Etwas, was teilweise schon eintritt. Wir erhalten zahlreiche Berichte von ausgeprägter Solidarität. Viele Friseure erfahren Hilfe von Kunden – und das nicht nur von langjährigen Stammkunden. Mit dem Aufruf, Geschenke in nächster Zeit beim Friseur einzukaufen, reihen wir uns natürlich ein. Aber jeder Umsatz hilft und es kommen jeden Tag Ideen und Initiativen hinzu. Einkäufe, bezahlte „Geistertermine“, Kunden, die sich außergewöhnliche Behandlungen leisten – all das wird eine der kreativsten Branchen, die das Land zu bieten hat, retten. Aber auch, dass Schuldzuweisungen enden und dafür an konstruktiven Lösungen gearbeitet wird. Das ist wichtig, denn jetzt brauchen uns die Friseure – zukünftig brauchen wir wieder sie! Obwohl, wenn ich mich und mein Umfeld ansehe, brauchen viele ihren Friseur schnellstmöglich.

 

Über Helmut Lenzen Helmut Lenzen, geschäftsführender Vorstand der FPE Friseur- und Kosmetikbedarf eG. Die FPE eG gehört mit 115 Jahren zu den ältesten Genossenschaften Deutschlands. In ihr sind fast 2.000 Friseurunternehmen organisiert, viele bereits seit Generationen. Die FPE vertreibt 13.000 verschiedene Artikel an 20.000 Kunden und ist damit am Puls der Branche. Durch ihre gemeinschaftliche Struktur und genossenschaftliche Satzung hat sie nicht nur die Interessen der Mitglieder, sondern der gesamten Branche im Blick. Helmut Lenzen kann bereits auf 35 Jahre Erfahrung in der Branche zurückblicken davon mehrere Jahrzehnte in geschäftsführender Tätigkeit. Seit dem 1. Februar 2020 ist er geschäftsführender Vorstand der FPE.