Ralf Steinhoff: Höhere Azubi-Löhne können kein Anreiz sein!

Ralf Steinhoff hat die Nase voll von mieser Presse über die Friseurausbildung! Er setzt auf Aktion statt auf Jammertal. In seinem Reutlinger Salon geht er der Passion nach, ambitionierten Nachwuchs strategisch selbst auszubilden. Ein Statement!

Top-Nachwuchs ist keine Glücksache!

Top-Nachwuchs ist keine Glücksache! © Steinhoff

Es reicht mir schon lange! Ich mag die Negativpresse zur Friseurbranche nicht mehr lesen oder hören! Einen erneuten traurigen Höhepunkt der Berichterstattung zum Thema Friseurausbildung markierte ein Artikel auf Spiegel online, den ich kürzlich zu lesen bekam. Wieder einmal berichtete eine junge Frau von indiskutablen Zuständen während ihrer Lehrzeit. Sie hatte sich aus Leidenschaft für diesen Beruf entschieden und muss nun mit ansehen, wie in ihrer Berufsschulklasse von ehemals 28 Friseur-Auszubildenden derzeit nur noch acht letzte Mohikaner die Schulbank drücken. Der Rest der angehenden Jungfriseure habe abgebrochen. Als Erklärung für das Debakel führten Autoren und Interviewpartnerin im Wesentlichen drei Gründe aus: Eine zu geringe Ausbildungsvergütung, zu viele „niedere“ Arbeiten wie Haare zusammenfegen und Handtücher falten sowie eine fachliche Ausbildung, die z.T. auf eigene Kosten und nach Feierabend stattfinden würde. Das Fazit der Auszubildenden im 2. Lehrjahr: Könnte sie entscheiden, würde sie als erstes die Bezahlung ändern. Jetzt plane sie, unmittelbar nach der Gesellenprüfung den Meister zu machen, um unabhängiger zu werden und mehr zu verdienen.

Nun, ich weiß angesichts der Komplexität der Sachlage gar nicht, wo ich anfangen soll. Zunächst bin ich der Meinung, dass es sicherlich nicht ein höherer Azubi-Lohn ist, der gute Bewerber in unsere Branche zieht. Menschen, die diesen Job aus Leidenschaft machen und erfolgreich sein möchten, brauchen andere Anreize als mehr Geld während der Ausbildungszeit. Mir hat für mein Studium auch niemand etwas bezahlt. Im Gegenteil. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass mehr Azubi-Lohn möglicherweise eher die falschen Menschen mit der falschen Motivation anzieht.

Meine aus Erfahrung gewonnene Überzeugung ist eine ganz andere: Statt den jungen Leuten eine Vergütungs-Möhre vor die Nase zu halten, sollte ein Großteil der Ausbilder anders agieren, um Anreize für diesen wundervollen Beruf zu schaffen. Die wichtigsten Stichworte für mich sind: Perspektiven schaffen! Investition in die Ausbildung der Mitarbeiter! Und den Jungtalenten von Beginn an Kundenkontakte  ermöglichen! Jeder zusätzliche Cent, der als Ausbildungsvergütung ausgeschüttet wird, fehlt am Ende bei der Ausbildungsqualität! Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich halte auch ich die schlimmen Dumping-Azubilöhne von unter 200 Euro für nicht tragbar. Doch darum geht es mir hier nicht.

Wir haben in unserem Salon jährlich mehr als 80 BewerberInnen, die bei uns ihre Ausbildung starten möchten. Und die haben wir nicht, weil wir astronomische Ausbildungsgehälter zahlen. Ganz ehrlich: Äußerst selten ist das Gehalt beim Vorstellungsgespräch Thema! Dafür bieten wir ein hohes Engagement als Ausbilder, und das zieht beim Nachwuchs. Es ist die Perspektive, nach der Ausbildung übernommen zu werden und später für 3.000 Euro und mehr im Monat Schönheitsdienstleistungen im Premiumsegment leisten zu können. Eingebunden in ein tolles Team, in dem sich jeder entsprechend seinen Neigungen weiterbilden kann.

Während viele Kollegen auf eine verkürzte Ausbildung als Anreiz setzen, dauert bei uns die Ausbildung bis zum Masterstylist 5 Jahre! Neben der Ausbildung im Salon (ab Woche 2 arbeiten unsere Azubis mit kleinen, aber hochwertigen Dienstleistungen am Kunden!) bezahlen wir eine private Beschulung und obendrein die dort angebotenen Zusatzmodule zum Hair & Beauty Artist. Das allein kostet pro Azubi 250 Euro im Monat. Danach kommt die Master-Ausbildung. Klar, dass wir da Engagement der Kandidaten erwarten. Und das können wir, weil wir etwas zu bieten haben! Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wo wir stünden, wenn wir den Nachwuchs nicht strategisch aus den eigenen Reihen rekrutieren würden. Dafür sollte man allerdings konsequent sein und dadurch eine begehrte Arbeitgebermarke aufbauen. Das ist Kärrnerarbeit, aber alle Beteiligten wachsen daran. Es gibt diesen Spruch von Kobjoll, den ich gern zitiere: „Entweder Du machst Dich selbstständig, oder Du suchst Dir einen Betrieb, mit dem du wachsen kannst.“ Ich favorisiere Letzteres.

Ich würde mir wünschen, wenn die Presse endlich einmal positive, alternative Beispiele einer Friseurausbildung aufgreifen würde. Genauso wie es die so gern ausgiebig beschriebenen schwarzen Schafe gibt, existieren nämlich viele Friseur- und Beautyunternehmen, die jungen Talenten tolle Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten bieten!

Steinhoff





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