„Wenn Corona aus Konkurrenten Freunde macht…“

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Wichtiges teilen und zusammenhalten - die Krise bietet die Chance auf Nähe
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Wichtiges teilen und zusammenhalten - die Krise bietet die Chance auf Nähe

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Corona ist, wenn ... plötzlich Konkurrenz-Friseure Schilder mit „Wir nehmen zur Zeit keine Neukunden an!“ ins Schaufenster hängen. Warum? Um dem Kollegen nebenan, der schon vor der offiziellen Schließungsverordnung seinen Laden geschlossen hat, keine Kunden abzuwerben. Guter Witz? Nein, absolut nicht! Kati Kalinowsky über ein neues Miteinander unter (Innungs-)Friseuren in Corona-Zeiten.

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„Jeder von uns hat seine ganz eigene Corona-Story. Und selten ist eine dabei, die Hoffnung macht. Oder gar Freude. Na ja, diese hier vielleicht schon. Ich habe meinen Salon in Tostedt und bin seit 2019 Obermeisterin der Innung Harburg. Wir hier in Nordniedersachsen, nah an der Grenze zu Hamburg, erhielten erst sehr spät die Verordnung, dass wir unsere Salons aufgrund von Corona schließen sollten. Dies führte natürlich zu großer Verunsicherung und Angst unter Friseurunternehmern und Kunden. Da sich auch in meinem Salon die Terminabsagen häuften, nutzte ich die Zeit, in diesen Tagen alle Innungsbetriebe abzutelefonieren. Viele Kollegen konnte ich jedoch telefonisch nicht mehr erreichen, da ich nur die Nummer ihrer Salons hatte und einige bereits vor der offiziellen Weisung freiwillig ihre Geschäfte geschlossen hatten. Mir war schnell klar, dass wir eine bessere Vernetzung und einen schnelleren Draht zueinander brauchten. Also wurde sehr unbürokratisch eine WhatsApp-Gruppe für Innungsmitglieder eröffnet. Dort war von Anfang an viel los. Ja, tatsächlich, was wir jahrelang nicht geschafft hatten, passierte plötzlich in Stunden: Friseure halfen sich, bauten sich gegenseitig auf und teilten ihr Wissen mit anderen. Inhaber, deren Geschäfte quasi nebeneinander lagen und die sich sonst nur vom her Namen kannten, waren plötzlich eine Einheit. Es ging sogar so weit, dass Saloninhaber, die ihre Läden bis zuletzt geöffnet hatten, Schilder in ihre Türen hängten, auf denen stand: „Wir nehmen zur Zeit keine Neukunden an“. Warum? Sie wollten Kollegen, die ihre Salons bereits von der offiziellen Schließung dicht gemacht hatten, keine Kunden abwerben. Das bewegte mich tief und es macht mich unglaublich dankbar für diese Gemeinschaft.

Innung – wofür? Dafür!

Denn dass ich einmal Teil einer Innung – geschweige denn ihre Obermeisterin sein würde – daran hätte ich bis vor wenigen Jahren nicht im Traum geglaubt! Niemals. Ganz ehrlich? Unsere Innung war mir immer ein Rätsel gewesen! Klar, ich wusste: ich zahl’ Geld dafür und bekomme regelmäßig Briefe, die ich höchstens mal überfliege. Weit weg von meinem modernen Salonalltag erschien mir ihr Club aus Funktionären im besten Alter zu bestehen. Aber irgendwann bin ich einfach mal hin zu einer dieser Innungsversammlungen. Es war zunächst genau, wie ich es mir gedacht hatte: ich senkte den Altersdurchschnitt, und die ehrwürdigen Holzsessel und großen Handwerksflaggen taten ihr Übriges, um nur ja keinen innovativen Eindruck zuzulassen. Doch etwas überraschte mich doch: Hier diskutierten Kollegen auf Augenhöhe und ohne Vorurteile miteinander. Sehr offen, herzlich und ehrlich. Das war etwas, was mir 15 Jahre lang in meinem Beruf so gefehlt hatte. Und ich merkte schnell, welch ein Schatz dieses Treffen für mich war! Plötzlich hatte ich viel mehr Informationen über meine Zulieferer, meine Software und die neuesten Regelungen und Praktiken bei unseren Kassenprüfungen. Ich konnte mich endlich gut darauf vorbereiten, denn ich hatte nun Infos aus erster Hand. Und zwar von einem Kollegen, der eine Woche vorher im gleichen Ort geprüft worden war! Dieses eine Treffen hatte mir schon den Mehrwert gebracht, den mich mein Innungsbeitrag gekostet hatte.

Kati Kalinowsky Kati Kalinowsky ©Foto: T. Willmeroth

Wir statt nur ich

Ich nahm ab diesem Zeitpunkt zweimal jährlich gerne an den Sitzungen teil, denn ich ging jedes Mal mit einem großen Fundus an Wissen nach Hause. Aber warum waren wir immer nur zwischen 8-10 Leute auf diesen Treffen? Unsere Innung hat schließlich 53 Mitglieder. Der Rest war, wie ich früher, nie da. Ich wusste also, warum. Der Rest in Kürze: Ein Jahr später war ich Obermeisterin unserer Innung. Doch innerhalb eines Jahres sind auch mir nur kleine Erfolge gelungen. Bis das Virus kam – und mit ihm all diese unglaublichen Ereignisse, die sich überschlugen.

Derzeit organisieren wir innerhalb der Innungsgemeinschaft digitale Zoom-Meetings am Computer für alle Azubis, um dort Lerninhalte und Praxis auszutauschen, Arbeitsproben zu begutachten und Fragen zu beantworten. Vor allem aber wollen wir füreinander da sein in dieser unruhigen Zeit. Außerdem schreiben wir täglich in unserer Gruppe. Wir teilen Sorgen und Nöte, die ja bei allen ähnlich sind. Und wir sind uns einig, dass das auch nach der Krise so bleiben soll; dass wir uns mit gemeinsamen Aktionen und Seminaren zusammen stark machen wollen, für alles, was kommt. Denn eines hat uns diese Corona-Krise jetzt schon gezeigt: Zusammen ist man weniger allein. Und das ist unbezahlbar.“

Herzlichst, eure Kati Kalinowsky