Friseur-Image: hochwertiges Handwerk oder hochbezahltes Hobby?

„Ganz schön teuer dafür, dass es ja eigentlich dein Hobby ist.“ Beim Bezahlen an der Theke sagte diesen Satz gestern tatsächlich eine Salonkundin mit vollem Ernst und ohne Augenzwinkern zur Mitarbeiterin meines Lieblingsfriseurs. Ich saß in meinem Bedienstuhl daneben. Fassungslos. Irritiert. Und ausnahmsweise mal sprachlos. Einen Tag später ist meine Starre einer Wut im Bauch gewichen. Warum, frage ich mich, wird das Friseurhandwerk imagemäßig immer wieder in die Nähe eines ambitionierten Hobbys gerückt?

Föhnst du noch, oder singst du schon?!?

Föhnst du noch, oder singst du schon?!? © Shutterstock

Teuer dafür, dass es dein Hobby ist... Dieser Satz hallt nach. Gerade noch saß genau diese Frau direkt neben mir. Sie ließ sich, flankiert von zwei Caffè Latte samt Konfekt, erst Strähnen machen, danach kam der Haarschnitt. Es folgte eine Pflegekur samt Kopfmassage und zum Abschluss das Styling mit dem Glätteisen. Zwischendrin schwallte sie die Jungfriseurin – nennen wir sie Tatjana – schamlos mit irgendwelchen familiären und persönlichen Irrungen und Wirrungen zu. Sie hatte in Sachen Lektüre den einen oder anderen Extrawunsch und griff auch noch Pflegetipps zu ihrer schuppenden Kopfhaut ab. So krass, so gut. Und dann dieser Satz beim Bezahlen! Während mein Lieblingsfriseur es bei einem kurzen Blickwechsel mit Tatjana samt dezentem Augenrollen beließ, kriege ich noch heute die Pocken.

Leidenschaft  - was denn sonst?

Ja, Tatjana hatte tatsächlich (ich wurde ungewollt Ohrenzeuge) auf Nachfrage erzählt, dass ihr Beruf ihr Hobby sei. Warum sollte das auch nicht so sein? Die Glückliche! Muss man seinen Job nicht lieben, um tagein tagaus oft mehr als acht anstrengende Zeitstunden lang Menschen aller Herkunft und unterschiedlichster Ausstattung mit Hingabe schöner zu machen? Sich alle individuellen Farbrezepturen und alle noch so merkwürdigen Wirbel am Kopf jedes Kunden zu merken? Zu wissen, wie viele Millimeter mehr rechts oder links der Scheitel am besten sitzt, der Pony genau oder nur fast genau bis zu den Augenbrauen gehen soll? Ob der Kaffee gern mit oder ohne Zucker gewünscht wird, der Urlaub am liebsten mit oder ohne Ehemann über die Bühne geht, die Termine am besten im 6- statt 4-Wochen-Rhythmus geplant werden sollen und das 2. Shampoo von oben gern mal Kopfjucken auslöst? Ist es nicht ein Geschenk, wenn Arbeitszeit und Lebenszeit ein glückliches Ganzes ergeben? Wenn ein leidenschaftlicher Friseur nicht nur Schönmacher, sondern auch Psychologe, Berater und Menschenversteher aus Passion ist?

Ein Glücksfall: Beruf als Hobby

Ich würde es der Dame so gern persönlich sagen: Friseur zu sein ist ein erlerntes Handwerk, meine Liebe! Bevor dir jemand die Spitzen kürzt, liegen 3 Jahre fachliche Ausbildung hinter ihm oder ihr. Regelmäßige Weiterbildungen und oft sogar ein saumäßig teurer Meisterbrief veredeln diesen Beruf. Wird dieser Job (von der Bezahlung wollen wir gar nicht erst sprechen!) zum Hobby, ist das die persönliche Königsklasse statt – wie bei dir - Anlass, das fachliche Können über den Preis abzuqualifizieren. Guck doch in den Spiegel: Das kann nur jemandem gelingen, der sein Handwerk mehr als versteht!

Zufriedenheit ist nicht käuflich

Ich war erstaunt, wie Tatjana und mein Lieblingsfriseur diesen Satz der Kundin an sich abperlen ließen. Sie lächelten sogar noch freundlich, als die Kundin den Salon verließ. Meine Vermutung ist: Entweder sie haben schon jede Menge Hornhaut, oder sie stehen einfach darüber, genau WEIL sie ihren Job so lieben und er tatsächlich ihr Hobby ist. Weil sie wissen, was sie können. Und weil sie zum Glück viele, viele Kunden haben, die nicht nur die ihre Rechnung kritiklos begleichen, sondern neben reichlich Trinkgeld auch noch mit einem dankbaren Strahlen für das tolle Frisurenergebnis bezahlen. Mein Lieblingsfriseur und Tatjana haben das große Glück, ihre Berufung gefunden zu haben und ihre Leidenschaft täglich zu leben. Wie sonst lässt sich erklären, dass der Chef auf meinen fragenden Blick nur lächelt und sagt: „Ach weißt du, sie kennt das nicht anders. Sie arbeitet im Controlling. Vielleicht denkt man da, dass Arbeit eine Belastung sein muss, damit sie kostbar ist.“ Ein Philosoph ist er auch noch!

 

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